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Falsche Zeugnisse

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In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit werden immer mehr Lebensläufe gefälscht. Gutgläubige und blauäugige Personalchefs wählen neue Mitarbeiter fast blindlings aus und schädigen dadurch ihre Unternehmen oft erheblich. Denn nicht selten werden Unterlagen gefälscht, Fachkenntnisse, Motivation und Loyalität vorgegaukelt, Vorstrafen unterschlagen oder Süchte verschwiegen, die den Mitarbeiter die Hälfte der Zeit schachmatt setzen. Problematisch ist das vor allem bei Führungskräften: Sie richten potenziell größere Schäden an und schließen nicht selten Zeitverträge ab, aus denen die Firmen nur schwer herauskommen.

Doch die falschen Zeugnisse und die aufgepeppten Lebensläufe der unehrliche Bewerber haben schlechte Karten. Manche Lebensläufe und Arbeitszeugnisse scheinen den Personalabteilungen zu gut, zu unstrukturiert oder einfach suspekt. Deshalb kommt es immer häufiger vor, dass sie intensiv überprüft werden. Da kann es schon mal sein, dass die jahrelange Auslandserfahrung sich als vierwöchiges Sommerseminar an einer britischen Hochschule herausstellt.

Fälle wie dieser sind schon fast Alltag in den Personalabteilungen. Bei mehr als der Hälfte der überprüften Bewerbungen finden sich Hinweise auf Manipulationen Im internationalen Vergleich sind deutsche Bewerber offensichtlich Weltmeister im Schummeln. Neben bloßen "Schönfärbereien" und Übertreibungen wie der Angabe "sehr guter Französischkenntnisse", die gerade zur Bestellung einer Ratatouille reichen, haben Personalabteilungen auch immer wieder mit kompletten Fälschungen von (Arbeits-)Zeugnissen zu tun. Neben diesen Totalfälschungen ist vor allem das Vertuschen von Lücken zwischen den Beschäftigungen das häufigste Vergehen. So wird Arbeitslosigkeit oft mit verlängerten alten beziehungsweise im Beginn vordatierten neuen Jobs kaschiert. Alternativ würden für beschäftigungslose Zeiten selbstständige Tätigkeiten erfunden.

Gründe, die zum Fälschen von Zeugnissen und Lebensläufen verleiten, gibt es viele. Ganz sicher spielt die angespannte Arbeitsmarktlage eine Rolle. Schließlich versucht jeder, seine Konkurrenten durch besondere Qualifikationen auszustechen. Um eventuelle "Blender" zu erkennen setzen viele Unternehmen auf ausführliche Bewerbergespräche. Bei den Interviews mit Experten aus den Fachbereichen und der Personalabteilung fallen Ungereimtheiten schnell auf. Bei Zweifeln kann man sich immer noch gegen den Kandidaten entscheiden. Wird ein Fälscher doch eingestellt, schadet die Entlassung nach der Entdeckung ihm mehr, als dem Unternehmen. Manipulierte Unterlagen können den Bewerber teuer zu stehen kommen, denn legt ein Bewerber gefälschte Zeugnisse vor und es erweist sich dann, dass er für die vorgesehene Aufgabe ungeeignet ist, muss er nach seiner Entlassung auch noch Schadenersatz leisten.

Warum Fälschungen (k)ein Problem sind

 

Zeugnisse Kopie & Original

Bei einer Bewerbung ist es üblich, unbeglaubigte Zeugniskopien vorzulegen. Diese sind selbstverständlich niemals fälschungssicher. Ein Arbeitgeber könnte sich zusätzlich im Vorstellungsgespräch die Originaldokumente vorlegen lassen. Das nützt allerdings auch wenig, weil diese dank neuer Software und Co auch keinesfalls fälschungssicher sind.

Früherer Arbeitgeber

Eine nahezu endgültige Sicherheit wäre erst gegeben, wenn das Unternehmen die einzelnen früheren Arbeitgeber anrufen würde und sich dort die Zeugniskopien aus den alten(!) Personalakten heraussuchen lässt. Die Arbeitszeugnisse müssten jedoch Wort für Wort abgeglichen werden, um auszuschließen, dass vielleicht nur Teile oder einzelne Wörter geändert wurden. Das ist für die meisten Personalabteilungen mit zu hohem Aufwand verbunden, besonders wenn das frühere Unternehmen nicht mehr existiert.

Lebenserfahrung

Die Lebenserfahrung lehrt: Bewerber schwindeln durchaus, lügen aber fast nie. Ersteres ist Tagesgeschäft im Umgang der Menschen miteinander und bedeutet, die Fakten etwas "aufzupolieren".

Betrug

Die Fälschung eines Dokuments ist aktiver Betrug, die Schwelle zum kriminellen Handeln wird überschritten. Die weitaus meisten Menschen gehen in ihrem Leben diesen Schritt niemals. Übrigens würde eine Entdeckung später mindestens mit fristloser Entlassung "bestraft" - ein extrem hohes Risiko für einen Angestellten!

Glaubwürdigkeit

Es ist gar nicht so einfach, Unterlagen so zu manipulieren, dass insgesamt ein geschlossenes Bild entsteht, welches mit der Persönlichkeit des Fälschers harmoniert. Der gute Eindruck des Zeugnisses muss schon zu dem Menschen passen, der sich bewirbt. Sonst fliegt der Schwindel eh schnell auf.

Vertrauen

Das gesamte Einstellsystem basiert auf Vertrauen. In den seltensten Fällen lassen sich zukünftige Arbeitgeber den Personalausweis zeigen um zu überprüfen, ob der Name des Bewerbers überhaupt stimmt. Potenzielle Arbeitgeber wollen im Bewerbungsgespräch überzeugt werden. Das ist - im fachlichen wie im persönlichen Bereich - die zentrale Aufgabe ("Bringschuld") des Kandidaten. Wird der Arbeitgebervertreter auch nur ansatzweise misstrauisch, greift er meist zum einfachsten Weg, um das Problem loszuwerden: Er sagt dem Bewerber ab. Komplizierte Nachforschungen wird er nur in Ausnahmefällen anstellen.

Die häufigsten Fälschungsmethoden

 

1. Bildung und Kompetenz vorgeben
Das (nicht abgeschlossene) Studium wird genauso gerne ins Feld geführt wie Projekt- und Führungsverantwortung der Phantasie entstammen. Benotungen werden geändert, Schul-, Studien- und Arbeitszeugnis gefälscht, Diplome und Titel erfunden, aber auch gefälschte Führerscheine beschafft. Wir lesen häufig auch: Verantwortung über zum Beispiel 50 Millionen Euro Umsatz oder über eine sehr große Mitarbeiterzahl.

2. Lücken im Lebenslauf füllen
Häufig werden Lücken im Lebenslauf durch Verlängerungen von Beschäftigungszeiten, erfundene Stellen und gefälschte Arbeitszeugnisse oder durch angebliche Auslandsaufenthalte kaschiert. Die ICH-AG muss zunehmend als Lückenfüller herhalten, oder Bewerber geben Scheinfirmen und erste Gehversuche mit Schulfreunden und Kommilitonen als echten Arbeitsplatz an. Gerne wird auch vorgegeben, im Familienbetrieb geholfen zu haben.

3. Fehlende Dokumente erklären
Ob spezifische Qualifikationen, Lücken oder ungerade Daten im Lebenslauf — die Unterlagen seien durch Feuer, bei Umzug oder Einbruch verloren gegangen. Auch beliebt: Der frühere Arbeitgeber sei insolvent geworden und nicht mehr erreichbar. Zum Ersatz wird eine im Zivilrecht untaugliche Eidesstattliche Versicherung abgegeben.

4. Urkunden und Titel fälschen
Doktortitel ist Doktortitel, auch wenn er von einer ausländischen Titelschmiede beschafft wurde? Doktortitel können nicht nur gekauft, sondern auch wie Diplome und sonstige Zertifikate mittels Grafikprogramm gut selbst produziert werden. Noch leichter sind Studien- und Arbeitszeugnisse zu fälschen.

5. Ungerade Daten glätten
Die Ursachen für fristlose Kündigungen liegen in der Person begründet: Kriminalität, Arbeitsverweigerung, sonstiges Fehlverhalten. Ohne gefälschtes oder verloren gegangenes Zeugnis geht’s hier wohl nicht.

6. Erfolge vorgaukeln
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Erzählt wird, was gerne gehört wird. So werden aus Talfahrten sogar Umsatz- und Gewinnsteigerungen, fremde Projekterfolge früherer Arbeitgeber werden zu eigenen gemacht. Alles fein säuberlich in ausführlich erfundenen Tätigkeitsbeschreibungen, in Lebensläufen und Arbeitszeugnissen dokumentiert. Oft werden auch Veröffentlichungen von Namensvettern herangezogen und als eigene ausgegeben. Oder prominente Kontakte elegant aufgebauscht und multipliziert, am Ende steht gar ein Freundschafts-Gutachten. Auch sehr beliebt: Teilnahme-Urkunden, evtl. aus dem Ausland über Produktpräsentationen, sollen als Lehrgangsbelege herhalten.

7. Image mit Umfeld und Hobby aufpolieren
Aus gutem Holz oder Stall zu sein, war und ist ein guter Steigbügel. So wird das Märchenbuch aufgeschlagen und der Vater ist in gehobener Stellung tätig, die Mutter im Vorstand eines gemeinnützigen Vereins engagiert und man hat natürlich sportliche und kulturelle Interessen. Man stammt aus reichen, wohlhabenden Verhältnissen, gut situiertem Elternhaus. Vater, Mutter und Geschwister (auch unbeteiligte Namensvettern) sind in hoher Führungsverantwortung. Typische Polituren sind: erfundene Hobbys wie Golf, Tennis, Reiten, Segeln, manchmal mit Sporterfolgen wie "Bezirksmeister im Fechten".

8. Referenzen prominenter Persönlichkeiten
Die persönliche Referenz zum Beispiel von Bill Clinton wird ins Feld geführt, getreu dem Motto: Hier fragt keiner nach, denn bis zu ihm kommt ohnehin niemand durch.

9. Ghostwriter nutzen
Wer schon während der Ausbildung oder des Studium betrogen hat, tut dies mit jedem Job sein Leben lang — und immer abgebrühter. Hier und da eine kleine Publikation ist sicherlich der Karriere förderlich, aber wer hat schon die Zeit und Schreibe dafür... und das Internet hat Einiges auf Lager.

10. Gehaltspoker
Gefälschte Gehaltsabrechnungen, Lohnsteuer- und Einkommensbescheinigungen werden zum Einstieg vorgelegt. Und zehn Prozent mehr auf gefälschter Basis sind dann schnell ein 30 oder 50-Prozent-Sprung. Häufige Arbeitsplatzwechsel sind ein wichtiges Indiz.

 

Checkliste der Personalabteilungen

  • lückenlose Nachweise über den Werdegang einfordern
  • Angaben im Lebenslauf mit den Angaben in den Zeugnissen vergleichen
  • Originale von Zeugnissen vorlegen lassen
  • Bewerber im Vorstellungsgespräch zu kritischen Zeugnispassagen befragen
  • Zeugnisse nach dem Vorstellungstermin in Kenntnis des Bewerbers noch einmal lesen
  • in Abstimmung mit dem Bewerber Auskünfte bei früheren Arbeitgebern und Vorgesetzten einholen
  • nach Eintritt in das Unternehmen eine Kopie des Zeugnisses über das gerade beendete Arbeitsverhältnis verlangen