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Kritik

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Die PISA-Schulleistungsstudien der OECD haben nicht nur ein außergewöhnliches Medienecho, sondern auch heftige wissenschaftliche Debatten ausgelöst.

Qualitätskontrolle & Zielsetzung

PISA selbst hat keine Qualitätskontrolle hinter sich: PISA ist Auftragsforschung, von Regierungen finanziert und von profitorientierten Instituten durchgeführt, und die Ergebnisse werden im Eigenverlag Das Bildungsziel von PISA bewirke eine Verzerrung der Testergebnisse zugunsten angelsächsischer Staaten und sodann einen Druck, Lehrpläne in Richtung auf unmittelbar alltagsrelevante Fertigkeiten anzupassen. Das bedrohe zum Beispiel die Spezifität des französischen Mathematikunterrichts, der großen Wert auf strenge Beweise legt. In diesem Zusammenhang wird auf die ökonomische Zielsetzung der OECD und auf die Intransparenz und mangelnde demokratische Legitimität der Entscheidungsprozesse in PISA hingewiesen. Ein ähnlicher Einwand lautet, dass PISA mit seinen Schwerpunkten Mathematik, Muttersprache, Naturwissenschaften die Marginalisierung gesellschaftswissenschaftlicher und musischer Fächer forciert.

Kritik an der Methodik

Curriculare Validität der Testaufgaben

Über die curriculare Validität, also die Übereinstimmung der Testaufgaben mit dem Lehrplan der getesteten Schulen, bestehen unterschiedliche Anschauungen. Während der Leiter der PISA 2000, Baumert, diese noch kategorisch ablehnte, wird die curriculare Validität von seinem Nachfolger Prenzel kategorisch postuliert. Wie allerdings curriculare Validität angesichts der überwiegend geheim gehaltenen Aufgaben festgestellt wurde, außer durch so genanntes Expertenurteil, ist bislang ungeklärt.

Qualität der Testaufgaben

Im Anschluss an die Testungen 2000 und 2003 wurde jeweils nur ein kleiner Teil der eingesetzten Aufgaben veröffentlicht. Eine Vielzahl von Autoren hat diese Aufgabenbeispiele als teilweise fehlerhaft oder irreführend kritisiert.


Zweifel an der interkulturellen Vergleichbarkeit

Das Übersetzungsproblem
Das seit den allerersten vergleichenden Schulstudien ungelöste Übersetzungsproblem bewirkt auf verschiedenen Wegen eine Verzerrung der internationalen Vergleiche:

  • Herkunft der Aufgaben (überwiegend aus dem angelsächsischen Bereich und den Niederlanden).
  • Unterschiedliche Lesbarkeit verschiedener Sprachen (die reine Textlänge variiert schon um 10% oder mehr).
  • Texte werden beim Übersetzen tendenziell länger.
  • Wenn Übersetzer die Aufgabe verstehen, neigen sie dazu, Hilfen zu geben.
  • Wenn Übersetzer nicht alle Fußangeln erkennen, kann die Aufgabe erheblich schwerer geraten.

Statistische Mängel

Bei der Auswertung von PISA und ähnlichen Studien stellt sich das Grundproblem, dass Leistungsunterschiede innerhalb eines jeden Staats wesentlich größer sind als typische Unterschiede zwischen Staaten. Es ist deshalb eine Messgenauigkeit im unteren Prozentbereich erforderlich, um statistisch signifikante Aussagen über solche Unterschiede treffen zu können. In PISA wird das formal durch die Verwendung sehr großer Stichproben (rund 5000 Schüler pro Staat) erreicht. Die offiziellen Standardfehler berücksichtigen jedoch nicht mögliche systematische Verzerrungen.

Solche Verzerrungen werden unter anderem bewirkt durch:

  • Pisa testete 15-Jährige. In diesem Alter sind in vielen Ländern besonders schwache Schüler schon nicht mehr in der Schule. In der Türkei zum Beispiel besuchen in diesem Alter nur noch 54 Prozent die Schule, in Mexiko 58 Prozent, in Deutschland aber 96,3 Prozent. Das bedeutet: Besonders schwache Schüler drückten hier das Niveau, während sie in anderen Ländern als Schulabgänger schon gar nicht mehr vertreten waren - sehr wohl aber für die allgemeine Leistungsfähigkeit eines Schulsystems stehen. Unzuverlässige Ausgangsdaten (es gibt keine Urlisten mit allen Fünfzehnjährigen; die Stichprobenziehung ist extrem kompliziert und nicht überprüfbar).

Leistungsabhängige Teilnahmequoten.

  • Die USA haben die Mindest-Schulteilnahmequote von 65% ungestraft unterschritten.
  • In Südtirol wurden nur 83% aller Fünfzehnjährigen als Schüler erfasst, obwohl dort in diesem Alter noch Schulpflicht herrscht. Wahrscheinlich sind Berufsschulen weitestgehend von der Testung ausgeschlossen worden, was das Spitzenergebnis dieses Landes als ein statistisches Artefakt erklären würde.
  • In Österreich mussten sämtliche Ergebnisse aus PISA 2000 wegen ungenügender Berücksichtigung von Berufsschülern Jahre später deutlich nach unten korrigiert werden.
  • Uneinheitlicher Ausschluss von lernbehinderten Schülern. Nur in sieben Ländern, darunter auch Deutschland, wurden Sonderschüler in Kurztests getestet. Würde man diese Tests aus PISA herausrechnen, wäre Deutschland bei Pisa 2003 mit der Leseleistung seiner Schüler vom 18. auf den 12. Rang unter 29 Staaten vorgerutscht. Andere Staaten haben keine Sonderschulen für Lernbehinderte, konnten aber bis zu 4,5% der Grundgesamtheit auf Schulebene ausschließen.
  • Dänemark, Finnland, Griechenland, Irland und Polen haben Legastheniker vom Test ausgeschlossen.
  • In Dänemark wurden auch Schüler mit Rechenschwäche ausgeschlossen.
  • Verstoß gegen internationale Regeln: Kanada, Dänemark, Neuseeland, Spanien und die USA haben mehr als die erlaubten 5% der Zielpopulation ausgeschlossen.
  • Einzelheiten der Stichprobenziehung und Testdurchführung sind völlig unkontrollierbar und bei entsprechendem politischem Interesse beliebig manipulierbar.

Interpretation

In der Öffentlichkeit wird PISA ganz überwiegend als eine Untersuchung der Leistungsfähigkeit des Schulwesens wahrgenommen. Das ist konsistent mit der Wahrnehmung von PISA als Länderwettkampf, da die Grundstruktur des Schulwesens von Land zu Land unterschiedlich ist. Dieser Deutung von PISA als Schulleistungsuntersuchung liegen Annahmen zugrunde, die selten klar benannt werden:

(1) PISA testet eine Alters-, nicht eine Klassenstufe. Das lasse sich rechtfertigen, wenn man Leistung als Ergebnis bis zu einem bestimmten Lebensalter auffasst. PISA benachteiligt Schulsysteme, in denen ein nennenswerter Teil der Schüler durch späte Einschulung, Sitzenbleiben oder freiwillige Wiederholungen niedrigere Klassenstufen aufweist. Deshalb sei der PISA-Ansatz ungeeignet, die Leistungsfähigkeit von Schülern „nahe am Ende der Pflichtschulzeit“ (near the end of compulsory education) zu vergleichen. Man kann allerdings auch fragen, ob Rückstellungen etc. pädagogisch sinnvolle Maßnahmen darstellen. Allerdings hat eine wissenschaftliche Studie die Aufgabe, ihre eigenen Maßstäbe klar und transparent zu definieren und sich einer Wertung, die sich bereits in der Wahl der Stichprobendefinition implizit findet, zu enthalten.

(2) PISA messe nicht den Zuwachs kognitiver Fähigkeiten im Verlauf der Schulzeit, sondern allein den Ist-Zustand in einer bestimmten Altersgruppe. Aus den Leistungsdaten von PISA ist nicht zu erschließen, inwieweit die Leistungsfähigkeit der schulischen Ausbildung zu verdanken ist und inwieweit sie auf unterschiedliche Anlagen und Umwelteinflüsse zurückgeht.

Jedoch - so die Kritik weiter - erlaube PISA, Leistungsdaten mit sozialen Kenndaten zu korrelieren. Die Ergebnisse zeigen, dass sich soziale Bedingungen in verschiedenen Ländern verschieden stark auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken. Das in Deutschland meistzitierte Beispiel sind Migrantenkinder, die in Deutschland stärker zurückblieben als in anderen Ländern. In Ostdeutschland ist eine höhere Quote von Migrantenkindern auf Gymnasien zu finden als in Westdeutschland. So besuchen etwa in Thüringen Kinder vietnamesischer Abstammung zu 63% ein Gymnasium. Dies wird mit dem wesentlich besseren Krippen- und KiTa-System in Ostdeutschland und einer sehr hohen Wertschätzung der Bildung in der vietnamesischen Kultur erklärt.